Mein Lebenslauf und Erinnerungsgeplauder

Als kleines Mädchen habe ich für Schulfreundinnen Märchen geschrieben und davon geträumt, ein Burgfräulein zu sein. Daraus ist nichts geworden, aber ein wenig fühle ich mich schon als Burgherrin, wenn ich mit der Zeitmaschine zurückreise in frühere Jahrhunderte. Meine Zeitmaschine ist das Romanschreiben, ist meine Fantasie, das tagelange Stöbern in Geschichtsbüchern oder gar in historischen Quellen.

Doch zurück zu meinem Lebenslauf. Als Fünfjährige durfte ich mit meiner Mutter Fahrradtouren machen. Das ist meine schönste Kindheitserinnerung. Einfach vorn bei der Lenkstange auf einem Sessel sitzen, die Mutter allein für mich haben. Sie erzählte mir Märchen oder von Büchern und Filmen, und in meiner Fantasie erlebte ich die Geschichten selbst. Aus der Schulzeit sind auch schlimme Erinnerungen geblieben. Ein Turnlehrer etwa, der mich als Elfjährige ohrfeigte und an den Haaren zog, bis ich zu Boden fiel. Er wurde dann entlassen, erfand eine Liebesmaschine und bot seine Dienste dem Schweizer Boulevardblatt «Blick» an.

Als Jugendliche nach der Mittelschulzeit prägten sich schöne, verrückte Bilder in meine Erinnerung ein. Da war meine erste Reise zu Europas Vergangenheit, nach Sizilien. Und dann kam die Hippiezeit. Barfuss, nur mit einem Minikleidfetzchen am Leib, durch Mailand spazieren. Die grossen Jugendkrawalle, Monsterkonzerte und irgendwo auf der Wiese ich, mit einem weiten Kleid und einem Blumenkranz auf dem Kopf.


Dann kam meine erste Journalistenzeit, während der ich gelegentlich auch modeln musste, einmal sogar für ein Titelbild. Stundenlange Fahrten in verschiedenste Gegenden der Schweiz. Und Abenteuer über Abenteuer. 

Die Sehnsucht nach der Sonne und der südländischen Kultur hat mich in den Siebzigerjahren nach Rom gebracht. Hier studierte und promovierte ich in Geschichte, Kunstgeschichte und Archäologie, heiratete und zog meine beiden Söhne Alessio und Renzo auf. Damals war Summerhill Mode und die antiautoritäre Erziehung, oder jedenfalls hatte ich die Sache noch im Kopf. Aber einen Renzo mit italienischem Temperament antiautoritär zu erziehen war schwierig. Er spielte Streiche, die Kinderbuchleser entzückt hätten, mich aber ständig in der Schule antanzen liessen. Einmal stopfte er fünf Pullover ins WC und spülte so oft, dass der Toilettenfussboden unter Wasser stand. Als Renzos Vater Schweizer werden wollte und vom Konsul getestet wurde, fragte der als erstes, ob er der Papa jenes Renzo sei, der seinem Sprössling gerade den Arm gebrochen habe. Mein Älterer, Alessio, ein angepassterer Typ, überstand die antiautoritäre Erziehung ohne auffällige Schäden. Jetzt, als Erwachsener, lobt er mich aber auch nicht dafür, denn eigentlich habe er sich selbst erzogen.


In der Ewigen Stadt habe ich als Journalistin und als Organisatorin von Kulturreisen gearbeitet. Ich führte die Touristen zu einem Aperitif auf einer Denkmalplattform, in die Cinecittà oder in die berühmte archäologische Unterwelt. Von dieser Unterwelt können Sie übrigens in meiner Kurzgeschichte «Ein Toter zu viel in San Callisto» nachlesen, die in der Schweizer Kriminalgeschichtensammlung «Im Morgenrot» 2001 im Scherz-Verlag erschienen ist.


Doch ich greife vor. Mein erster schriftstellerischer Versuch war keine Kurzgeschichte, sondern ein Roman. Seinen Erfolg, ich gebe es zu, verdanke ich auch dem Thema. 1998 wurde das 150-Jahr-Jubiläum des Schweizer Bundesstaates gefeiert, und «Berner Lauffeuer» hatte genau dieses zum Thema. Der Roman wurde am Radio derart gelobt, dass er fünf Monate lang auf der Bestsellerliste des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes stand und zum meistverkauften Buch des Schweizer Bibliotheksdienstes wurde.


Was tun nach einem solchen Erfolg? Ich wollte mich über die Schweizer Grenzen hinauswagen und schrieb einen historischen Kriminalroman, der im Mittelalter angesiedelt ist: «Das Siegel der Macht». Die in Italien - in Rom, Verona, Pavia, Ravenna und Farfa - spielenden Kapitel spiegeln meine Liebe zur südländischen Atmosphäre, Architektur, Landschaft und Ideenwelt. Ich habe mich beim Schreiben endlich einmal als jene Burgherrin fühlen dürfen, die ich schon immer sein wollte, auch wenn die jungen Heldinnen inzwischen Jahrzehnte jünger sind als ich selbst. Das Buch ist im Jahr 2000 im Weitbrecht-Verlag Stuttgart erschienen und 2002 im Bastei-Lübbe-Verlag als Taschenbuch. Ich habe es Richard gewidmet, meinem Lebenspartner, der mir eine neue Ruhe, Harmonie und viel Zärtlichkeit gibt.


1999 zogen mich diese Liebe, das Leben, vielleicht auch ein wenig die Sehnsucht nach der Schweiz zurück nach Zürich, wo meine Söhne studierten. Da ich immer selbständig berufstätig gewesen war, reizte mich die Möglichkeit einer festen Stellung, die sich nach einigem Suchen fand: Vonn 2000 bis zu meiner Pensionierung 2013 arbeitete ich bei der Wochenzeitung «Reformierte Presse» (RP). Als Redaktorin und dann als Co-Chefredaktorin fühlte ich mich bei der RP wie daheim. Schattenseiten gab es wie überall auch dort, aber dann waren in dem kleinen Team sofort Kolleginnen und Kollegen für einen da. Deshalb habe ich mein drittes Buch «Der goldene Fluss» auch meinem Kollegen Frank («Flo») Lorenz und der RP gewidmet.


Dieses dritte Buch ist ein Kompromiss zwischen der Liebe zur Schweizer Geschichte und der Liebe zu Italien. Der Roman spielt sich im Gebiet der heutigen Schweiz und Süddeutschlands ab. Die Hauptfigur, Eberhard von Nellenburg, reist aber mit dem Kaiser und dem Hof zweimal nach Italien. Auch dieses Buch ist später als Taschenbuch erschienen, im Piper Verlag. Als «Der goldene Fluss» vergriffen war, gab der Verlag mir das Copyright zurück, und ich überliess es einem unternehungsffreudigen Kleinverleger, Jean-Marie Rossi vom Buchladen am Rathausplatz in Stein am Rhein. Er hat 2016 eine Linzenzausgabe von 1000 Exemplaren neu drucken lassen.


Mein vierter Roman ist der zweite Teil der Saga um die Berner Familie Niggeler, sozusagen die Fortsetzung meines Erstlings "Berner Lauffeuer". Auch für diesen Roman habe ich Familienforschung betrieben und Verwandte in Europa und Amerika befragt. «Meerfeuer - Die Geschichte der Augustine W.» erschien im Februar 2008 im Zytglogge Verlag (Lektorat Hugo Ramseyer). Er erzählt die Geschichte meiner Urgrossmutter Augustine Wiser, die sich als Katholikin in den Freigeist Rudolf Niggeler verliebt, meinen Urgrossvater. Augustine war Amerikaschweizerin und erlebte acht Jahre lang während des amerikanischen Bürgerkriegs in New Orleans turbulente Zeiten, ehe sie ihren Rudolf heiraten konnte. Im Kanton Bern jedoch gerät Augustine in einen Konflikt, der sie tiefer trifft als der Sezessionskrieg: Sie steht auf der Seite der romtreuen Katholiken, als deren schärfster Gegner ausgerechnet Rudolf im Berner Grossrat auftritt. Der Schweizer Kulturkampf in den frühen 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts wird zum Prüfstand der jungen Ehe. 

Mein fünfter Roman «Nordwestbrise» hat zwei Anstösse gebraucht. Beim Erforschen alter Quellen für eine andere Arbeit habe ich Hans Schnyders Buch «Die Gründung des Klosters Luzern - Adel und Kirche Südalamanniens im 8. Jahrhundert» gelesen. Ein Abschnitt ist der Beata-Sippe gewidmet. Die reiche, für ihre Zeit ungewöhnlich eigenständige und mächtige Beata hat mich fasziniert. Einige Zeit später hat mich ein politisch und kulturell aktiver Freund aus dem Kanton Thurgau auf die spannende Geschichte von Abt Otmar aus St. Gallen aufmerksam gemacht. Diese Anregung und die Erinnerung an Beata haben mich zu «Nordwestbrise» inspiriert.

Nach meiner Pensionierung erfülle ich mir den grössten Wunsch, ich schreibe mal einen modernen Roman. Dieser Gedanke begleitete mich jahrelang, bis ich ihn 2016 verwirklicht haben. Mein sechster Roman Zürcher Machtspiele» handelt vom Jetzt, vom Jahr 2016, an Schauplätzen, die ich am besten kenne: in einer Zeitungsredaktion in Zürich, im Infernetto und im Zentrum von Rom und in anderen Teilen Italiens. Ich habe einen Krimi daraus gemacht, der in der Welt der Schweizer Politik und Wirtschaft spielt. Mein Hauptanliegen ist allerdings die Geschichte der Journalistin Martina, die mit über fünfig entlassen wird und mit einer harzigen, erfolglosen Stellensuche zu kämpfen hat, bis ihr Berufsleben eine neue Wendung nimmt.

Nun zu meinem Leben ausserhalb der Bücher- und  Journalistinnenwelt. Seit mehr als siebzehn Jahren wohne ich im Kanton Zug und fühle mich hier ausgesprochen wohl. Deshalb engagiere ich mich auch da und dort in der Freiwilligenarbeit: für einige Zeit im Vorstand des Ortsvereins Amici di Amaroni und acht Jahre lang auf kantonaler Ebene im Parlament der Reformierten Kirche des Kantons Zug. Unsere Wohngemeinde Risch, die traumhafte Seelandschaft und viele Bewohner sind mir ans Herz gewachsen; im Frühling und Herbst umradle ich gern den See. Ansonsten lese ich in der Freizeit gern, koche, disktutiere, sehe zur Entspannung fern und reise immer wieder zurück nach Rom. Inzwischen habe ich einen Winter- und einen Sommersohn. Mein Älterer, Alessio, lebt mit seiner Frau Luana und meinen Enkelkindern Ambra und Leonardo im Kanton Zürich, mein Jüngerer, Renzo, in Rom. Dorthin zieht es mich auch mit Macht, weil ich ein Sippenmensch bin und in einem Teil meines ehemaligen Familienhauses in Rom neben Renzo und seiner Frau auch meine herzigen Enkelinnen Lavinia und Emma leben.

P.S. Hier kann man sich ein Portrait von Monika Dettwiler in 300 dpi-Auflösung ansehen und herunterladen. Dateigrösse : 2.43 MB. 

 
  © 2017 Monika Dettwiler